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Das New Art Saxophone Quartet - Bläserkonzert der ungewohnlichen Art
Wohllaut und Wollust: „Sax is Sex"
In der klassischen Musik wagt das Saxofon nur selten sich hervor; ein Saxofon-Quartett erst gar ist eine geradezu singuläre Erscheinung. Und doch: Nicht zum ersten Mai hatte das Festival Mitte Europa ein solches Exoten-Ensemble zu sich gerufen. VorJahren, in Bad Steben, erregte das Rascher-Quartett, eine der erlauchtesten Formationen ihrer Art, Anstoss - weil es viel Zeitgenössisches präsentierte, was dem Publikum missfiel. Nun reiste, mit gefälligerem, gleichwohl anspruchsvollem Programm, eine ganz junge Truppe aus der Schweiz an. Das New Art Saxophone Quartet (die Mitglieder zwischen 27 und 32) ließ am Samstag im böhmischen Sabina, am Sonntag in Wunsiedel aufhorchen: durch die sinnliche Faszination, mit der der Saxophon-Sound nicht nur zu Herzen geht, sondern durch den ganzen Korper.
WUNSIEDEL. - Fichtelgebirgig, steinern und unbewegt, verharrt das Wunsiedler Publikum in der Friedhofskirche -lastende, stumme Trauerstimmung nach dem ersten Beitrag, der doch gleich eine rechte Genussnummer, ein virtuoses Kabinettstück war - Georg Friedrich Händels „Ankunft der Königin von Saba" als funkelnder Geschwindmarsch. Woran mag die Kühle liegen? Zugegeben, die Performance ist, verglichen mit anderen Konzertereignissen, befremdlich: Wie ein Streichquartett-Ensemble zwar sitzen die Jungmänner im Frack beieinander; doch statt, wie vertraut, Geigen, Bratsche, Cello an Hals und Knie zu legen, fuhren sie messingschimmemdes Röhrenwerk zum Munde. Mag auch das Sopran-Saxofon an eine vergoldete Klarinette erinnern - die fast lüstern sich windenden Leiber der Alt-, Tenor- und Bariton-Geschwister sehen unzweifelhaft aus wie Fremdgänger aus dem Reich des Jazz. Zum musikalischen Verstandnis dieser wahrlich hochmusikalischen Truppe gehort die Verlasslichkeit ihres Stilbewusstseins: Dass klassische oder romantische Originalwerke, für vier Saxofone bearbeitet, allein schon durch die Umbesetzung immer ein wenig parodistisch anmuten, genügt den Künstlern als Verfremdungseffekt. Darüber hinaus jazzig oder poppig noch eins draufzusetzen, das versuchen sie gar nicht erst. Bei den beiden Streichquartetten, die das Hauptgewicht des leichten und doch gewichtigen Abends ausmachen, spürt man's am deutlichsten: originell verspielt die Nummer 15 von Gaetano Donizetti; dann - als besonderes Prachtstück - das munter-melancholische Stimmungsgemisch des „Amerikanischen Quartetts" von Antonin Dvorák. Die angestammten Rechte der Vorlagen, Gestalt und Gehalt, bleiben gewahrt.
Rasch bringt der stets runde, edelmetallisch biegbare Klang des Ensembles das anfangs unterkühlte Publikum zum Auftauen - durch die leibhaftige Wärme seines schwingungsreichen, erotisch aufgeladenen Untertons. Schwerlich äußert sich ein Instrument unmittelbarer, zwingender dem Horer gegenüber: Nicht nur für den Kopf und nicht nur für den Bauch wird Saxofon gespielt; nicht nur aus der Seele kommt die unwiderstehliche Zugkraft seiner Überredungskunst- sondern immer auch aus dem Unterleib; am aufregendsten im milden Pianospiel, das den vier Künstler-Könnern vollendet gelingt. So widerlegen sie das in Klassiker-Kreisen noch haltbare Gerücht von der militarischen Kapellen-Lärmerei des Saxofons. Unüberhörbar der Stolz der Virtuosen auf den Eigencharakter ihres Exoten-Instruments: Der reiht sich ein irgendwo zwischen dem Klang von Holz- und Blechbläsern, Streichern und der Eloquenz der menschlichen Stimme.
Ohne Jazz geht es, zum Glück, auch diesmal nicht ab: Vier vom Publikum heftig beklatschte Gershwin-Songs, mit Drive und Genuss angestimmt, machen in raffinierten Arrangements beschwingtesten Eindruck; die Füße des Bariton-Spielers tanzen beim hitzigen Werben des „Lady, be good" formlich im Takt. Dazu das Gegenstück: Giacomo Puccinis vermeintliche Edelschnulze „Crisantemi" - hier sehr edel, doch fernab allen Kitsches. Leise und sehr gemessen im Tempo, jede der klaren Stimmen in Seidenglanz verpackend, machen die Interpreten den ursprüinglich als Trauergesang komponierten Satz zu einem Liebeslied von verkappter, gleichwohl unerhörter, kaum noch jugendfreier Begehrlichkeit - Wohllaut als Wollust. Es bleibt dabei: Sax is sex, Musik ab achtzehn.
Von Michael Thumser
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